Wahlmanipulation mit Social Media

Kann man mit frei zugänglichen Marketing-Instrumenten eine Wahl manipulieren? Die Antwort ist erschreckend: Ja, Wahlmanipulation ist möglich, wenn man weiß wie.

Bei der Manipulation von Wahlen denken die Meisten zuerst an das Austauschen von Stimmzetteln oder die Manipulation der erfassten Ergebnisse. Doch Wahlmanipulation geht auch subtiler und weniger illegal. Während das Verfälschen von Wahlergebnissen in jedem demokratischen Staat ein Straftatbestand sein dürfte, bewegt man sich mit der Manipulation der öffentlichen Meinung je nach Nation und Methode in einer Grauzone oder sogar im völlig legalen Bereich.

Propaganda

Zugegeben, die Grenzen zwischen Wahlwerbung und Propaganda sind fließend seitdem Marketingexperten das emotionale Aufladen von Themen für sich entdeckt haben. Hinter Propaganda steckt aber mehr als die Verknüpfung einer Marken-CI oder einer Person mit positiven Emotionen und Adjektiven. Propaganda mischt Information und Meinung so miteinander, dass der Rezipient nicht mehr dazu in der Lage ist, beides auseinanderzuhalten (eine Begriffserklärung findest du hier). Auf diese Art werden zum Beispiel Sachverhalte oder Zusammenhänge suggeriert, die nicht nachweisbar oder gar nicht existent sind.

Durch die Vermischung von Meinung und Information weckt Propaganda bestimmte Emotionen gegenüber einem Sachgegenstand, einer Gruppe, Partei oder Person. Diese Emotionen bewirken beim Rezipienten eine Bestärkung oder Änderung seiner Haltung gegenüber dem Gegenstand der Propaganda.

In Zeiten sozialer Medien eignen sich polarisierende Themen besonders gut, um Propaganda zu betreiben. Insbesondere negative Emotionen wie Angst, Hass und Wut sorgen für mehr Interaktionen mit einer Botschaft und so für eine höhere Reichweite und Wirkung der Nachricht (mehr dazu: Algorithmen, die den Hass schüren).

“Fake News”

Statt wie bei der Propaganda Informationen mit Meinung zu vermischen und damit die Sachlage zu verzerren, werden mit “Fake News” oder Falschmeldungen unwahre Behauptungen in den Raum gestellt. So können Sachverhalte positiver oder negativer dargestellt werden als sie tatsächlich sind oder Verbindungen hergestellt werden, wo eigentlich keine existieren. Solche Meldungen lassen sich theoretisch einfacher entkräften als Propaganda, denn hier muss nicht gegen Meinungen argumentiert werden. Ein (je nach Sachverhalt) mehr oder weniger einfacher Faktencheck genügt bereits, um Falschmeldungen zu entkräften. Das Kernproblem an Falschmeldungen ist: viele Menschen lesen die Schlagzeile, wenige Menschen die Korrektur. Daher ist auch dieses Mittel wirksam zur Manipulation der öffentlichen Meinung. Außerdem führen viele gestreute Falschmeldungen dazu, dass es schwieriger wird, Fakt und Fiktion zu unterscheiden – so ist es möglich durch bewusste Strohfeuer von anderen Schauplätzen abzulenken.

Adressierung

Betreiber sozialer Medien, aber auch andere Konzerne mit großen Datenschätzen, bieten Werbekunden die Möglichkeit an ihre gewünschte Zielgruppe sehr genau anzusprechen. Das nennt sich dann Microtargeting. Die Idee dahinter ist, dass nur Menschen, die sich beispielsweise einen neuen Computer kaufen wollen, auch Werbung für Computer X erhalten. So ist für den Werbekunden wahrscheinlicher, dass durch einen Werbekontakt ein tatsächlicher Kauf zu Stande kommt. Das lässt sich auch politisch einsetzen, Facebook beispielsweise bietet ein zielgruppengenaues Targeting auch im Hinblick auf politische Neigungen an:

Neben diesem Faktor lassen sich beispielsweise auch Wohnort, Bildungsstand, Einkommen und viele andere Merkmale zur Adressierung nutzen. Das Team eines Kandidaten oder einer Partei könnte dies nutzen, um potenziell unentschlossene Wähler zu erreichen und versuchen diese mit zielgruppenspezifischen Nachrichten dazu zu bringen ihre Vertreter zu wählen. Zielgruppenspezifische Ansprache stellt aber noch keine Wahlmanipulation dar.

Diffamierung des Gegners

Wesentlich einfacher und effektiver ist es allerdings, potenzielle Wähler des politischen Gegners zu adressieren und diesen gezielt zu diffamieren. Die schockierenden Enthüllungen, die dafür genutzt werden, müssen nicht einmal wahr sein. Es genügt, wenn die potenziellen Wähler des Gegners es bis zur Wahl glauben und aus diesem Grund nicht wählen gehen.

Wer jetzt glaubt, das klinge utopisch dem sei gesagt: Es ist genau so geschehen im US-Wahlkampf 2016. Die Stärke des Einflusses ist zwar umstritten, aber dass sich auf diesem Weg Wahlen (nicht zwangsläufig deren Ausgang) beeinflussen lassen, ist erwiesen.

Facebook verspricht nun insbesondere politische Werbung genauer zu prüfen. Was das bedeutet und wieviel es nützt, wird sich wahrscheinlich im November zu den US-Wahlen herausstellen.


Weitere Informationen zu Microtargeting findest du im Artikel Datenkraken – Was wissen Google, Facebook und Co?

Simon Crins

Simon Crins ist Medienexperte mit den Fachbereichen Medienproduktion und Medientechnik. Nach seiner Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton bei ProSiebenSat.1 in München absolvierte Crins sein Bachelorstudium im Fach Medien und Kommunikationsmanagement an der SRH Fernhochschule. Währenddessen war er für die ProSiebenSat.1 Gruppe unter anderem als Produktionsplaner und Projektleiter tätig. Seit Ende 2018 arbeitet Simon Crins für Umlaut im Raum Braunschweig/Wolfsburg als Test- und Entwicklungsingenieur für Infotainmentsysteme. Weitere Informationen über den Autor finden Sie unter www.simoncrins.de

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