Algorithmen, die den Hass schüren

Für viele Menschen gehören soziale Medien inzwischen zum Alltag. Allein Facebook als Plattform verzeichnet 1,66 Milliarden täglich aktive Nutzer weltweit. Die Daten und die Aufmerksamkeit dieser Nutzer macht Facebook zu Geld, beispielsweise mit zielgerichteter Werbung. Und natürlich versuchen Konzerne wie Facebook ihre Marktposition auszubauen, indem Sie ihre Nutzer zu häufigeren Interaktionen mit ihren Diensten oder längerer Verweildauer auf ihren Websites animieren.

Für sich genommen klingt das wie die Agenda jedes Unternehmens in unserem Wirtschaftssystem: Wachstum.
Problematisch wird es mit Blick auf die Methodik, denn während in anderen Wirtschaftszweigen durch Innovationen neue Bedürfnisse bei den Kunden geschaffen werden und dadurch Wachstum erzeugt wird, missbrauchen Plattformen wie Facebook Emotionen dazu, die Interaktionsrate zu erhöhen.

Natürlich nutzen auch lineare Medien wie TV- und Radiosender, Zeitschriften und Zeitungen Emotionen, um ihre Quoten oder Auflagen zu erhöhen. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die BILD-Zeitung, die durch polarisierende Artikel ihre Reichweite ausbaut. Der Unterschied liegt hierbei in der Art des Targetings, also der Zielgruppenansprache:
Während die BILD-Zeitung wie alle anderen linearen Medien auch nur breite Massen ansprechen kann, nutzen Facebook und Co sogenanntes Microtargeting, also die gezielte Ansprache einzelner Nutzer. Hierfür werden Algorithmen genutzt, die auf Basis des bisherigen Nutzerverhaltens und statistischer Daten berechnet, mit welcher Art von Nachricht dieser Nutzer am wahrscheinlichsten interagieren wird.

Da die Reaktionen auf Falschinformationen und Hassbotschaften oft am größten sind, bekommen diese durch die Algorithmen ein größeres Publikum und etwaige Richtigstellungen gehen aufgrund der wesentlich geringeren Interaktionswahrscheinlichkeit unter.
Facebook und andere Betreiber nehmen billigend in Kauf, dass Nutzer unter Umständen ein Weltbild voll Hass, Angst und Verschwörungstheorien präsentiert bekommen – denn das hält sie länger vor dem Bildschirm.

Dass Hass und Desinformation in sozialen Medien zu Konsequenzen in der realen Welt führen können, haben uns die Ereignisse der letzten Jahre bereits vor Augen geführt. Um dem entgegen zu wirken, müssen die Betreiber in sinnvolle Schranken gewiesen werden. Das heißt auch, dass das Konzept der algorithmenbasierten Nachrichtenselektion kritisch geprüft werden muss.

Simon Crins

Simon Crins ist Medienexperte mit den Fachbereichen Medienproduktion und Medientechnik. Nach seiner Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton bei ProSiebenSat.1 in München absolvierte Crins sein Bachelorstudium im Fach Medien und Kommunikationsmanagement an der SRH Fernhochschule. Währenddessen war er für die ProSiebenSat.1 Gruppe unter anderem als Produktionsplaner und Projektleiter tätig. Seit Ende 2018 arbeitet Simon Crins für Umlaut im Raum Braunschweig/Wolfsburg als Test- und Entwicklungsingenieur für Infotainmentsysteme. Weitere Informationen über den Autor finden Sie unter www.simoncrins.de

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