#WirMachenAuf – über die Dynamik sozialer Medien

In sozialen Medien wie Twitter trenden aktuell die Hashtags #WirMachenAuf und #WirMachenEuchDicht. Es handelt sich dabei um einen gesellschaftlichen Diskurs, der nun über Twitter geführt wird. Unter #WirMachenAuf sammelten sich zunächst Kommentare von Selbständigen, Einzelhandel und anderen Gewerbebetreibern. Die Botschaft ist deutlich: es ist eine Aufforderung zum Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz – eine Verlängerung des Lockdowns werde nicht akzeptiert, heißt es in einem Twitter Post. Die Postenden geben an, zum 11. Januar selbst den Lockdown zu beenden.

Bereits nach kurzer Zeit wurde der #WirMachenAuf von Gegnern der Bewegung übernommen und auf Grenzöffnungen (insbesondere für Flüchtlinge in Moria) oder andere Themen umgemünzt. Zusätzlich formiert sich unter #WirMachenEuchDicht eine Gegenbewegung zu #WirMachenAuf auf Twitter.

Was hat das mit der Dynamik sozialer Medien zu tun?

Streitigkeiten, die vor der Existenz sozialer Medien im Kleinen ausgetragen worden sind, können sich nun auf Twitter, Facebook und co zu einem wahren Lauffeuer entfachen. Die oben genannten trendenen Hashtags entsprechen einem solchen Flächenbrand. Soziale Medien ermöglichen es ihren Nutzern, sich mit anderen Menschen gleicher Meinung zu solidarisieren. Der Zuspruch durch Andere mit gleicher Meinung, bewegt die Menschen dazu, ihre Meinung eher kundzutun. Die so geäußerte Meinung bewegt wieder andere dazu es ihnen gleich zu tun, ein Schneeballeffekt setzt sich in Gang.

Grundsätzlich klingt das nach Demokratisierung der Meinungslandschaft, was prinzipiell zu begrüßen wäre. Das Problem hierbei ist: vor allem extreme Meinungen bekommen viel Zusprache in sozialen Medien. Alles was polarisiert, führt auch viele Reaktionen herbei. Das wiederum führt zu einer höheren Reichweite, was bedeutet, dass mehr Menschen diesen Post oder Tweet zu sehen bekommen (Mediabasics: Algorithmen, die den Hass schüren). Soziale Medien verstärken also nicht die gesamte Bandbreite an Meinungen gleichermaßen, sondern nur extreme Meinungen. Die Meinungslandschaft wird dementsprechend nicht demokratisiert, sondern polarisiert, was zu einer Spaltung der Gesellschaft führt. Daher ist es wichtig sich vor Augen zu führen, dass uns soziale Netzwerke häufig ein verzerrtes Bild der Realität präsentieren.

Simon Crins

Simon Crins ist Medienexperte mit den Fachbereichen Medienproduktion und Medientechnik. Nach seiner Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton bei ProSiebenSat.1 in München absolvierte Crins sein Bachelorstudium im Fach Medien und Kommunikationsmanagement an der SRH Fernhochschule. Währenddessen war er für die ProSiebenSat.1 Gruppe unter anderem als Produktionsplaner und Projektleiter tätig. Seit Ende 2018 arbeitet Simon Crins für Umlaut im Raum Braunschweig/Wolfsburg als Test- und Entwicklungsingenieur für Infotainmentsysteme. Weitere Informationen über den Autor finden Sie unter www.simoncrins.de

3 Gedanken zu „#WirMachenAuf – über die Dynamik sozialer Medien

  • 4. Januar 2021 um 10:27
    Permalink

    Das große Problem dieser Dynamik ist in meinen Augen, dass sie selbst bei Bewusstmachung noch funktioniert. Zum einen beeinflussen solche Posts oder Tweets ähnlich wie Werbung auch unterbewusst (aufgrund der vermeintlichen Authentizität sogar stärker als diese) und zum anderen gibt es bei Themen, die mir wichtig sind nur drei Möglichkeiten, mich zu verhalten:
    1. Ich ignoriere es, verhalte mich nicht dazu: Das würde nur einen Effekt haben, wenn sich eine kritische Menge so verhält und auch dann können wie du richtig bemerkt hast, selbst vereinzelte Kommentare neue Flächenbrände entfachen.
    2. Ich versuche differenziert darauf einzugehen: Das hat dann leider einen deutlich geringeren Effekt als der polasierende Ausgangspost- oder tweet.
    3. Ich entscheide mich für eine Seite und unterstütze die, die meiner vielleicht ja persönlich immer noch differenzierten Meinung näher steht: Dann verstärke ich den Schneeballeffekt.

    Wie du richtig schreibst, bräuchte es eine echte Demokratisierung der Debatten, die so gerade nicht stattfindet. Das Problem scheint mir darin zu liegen in diesem Bereich akzeptanz- und erfolgversprechende Gestaltungskonzepte zu entwickeln.

    Meiner Meinung nach wäre es zunächst nötig, dass die Social-Media Algrorithmen nicht mehr nach Klickzahlen, Likes und Ähnlichem sortieren, sondern alle Meinungen den gleichen Raum bekommen (trotzdem werden die polarisierenden Beiträge öfter geteilt werden und es bleibt das Bot-Problem). Es braucht ein Umdenken bei den Nutzern, die sich zu ihren existentiellen Themen grundsätzlich immer äußern sollten (auch wenn sie moderate Meinungen vertreten) oder es lassen.
    Es braucht einen Kodex, der polarisierendes Verhalten grundsätzlich ächtet (funktioniert ja bei anderen Verhaltensweisen wie SCHREIEN auch gut) und es braucht natürlich jede Menge Investitionen in Sachen Medienkompetenz (nicht nur in Schulen!). Warum nicht für alle, die mit sozialen Medien zu tun haben Tutorials entwerfen, die diese Probleme und Effekte verdeutlichen (eine Art Mini-Social-Media-Führerschein)?

    Es braucht jedenfalls dringend Lösungsansätze für dieses Problem (mit freundlichem Verweis auf die Situation in den USA). Danke für deinen Beitrag dazu!

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    • 4. Januar 2021 um 13:26
      Permalink

      Hallo Nightingale,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.
      Bei der Anpassung der Algorithmen gehe ich mit, das wäre ein wichtiger erster Schritt um die Polarisierung einzudämmen.
      Ich denke die Bot-Problematik lässt sich auf technischer Ebene lösen, so denn der Wille dazu vorhanden ist.
      Das Kernproblem hierbei sehe ich darin, dass Betreiber sozialer Medien ein Interesse an dieser Polarisierung haben, da sie die Nutzungsdauer ihres Mediums erhöht.

      Es wäre schön, wenn sich gemäßigte Nutzer ebenso oft zu Wort melden würden wie ihre Entsprechungen mit extremen Meinungen. Das Thema ist aber leider kein neues Phänomen. Bereits Noelle-Neumann beschreibt ja in ihrer Theorie der Schweigespirale eine schweigende Mehrheit (abseits der sozialen Medien). Hier ein gesellschaftliches Umdenken bzw. eine Verhaltensänderung zu bewirken dürfte sehr schwierig sein.

      Aber genau deshalb braucht es, wie du beschreibst, mehr Medienkompetenz. Und zwar flächendeckend durch alle Bildungs- und Altersschichten. Schulen sind hier ein Ansatzpunkt, aber auch im Bereich der Erwachsenenbildung müssen hier Konzepte und Aufklärungsprogramme her. Der erste Schritt wäre, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Medienkompetenz inzwischen für jeden Bürger essenziell ist.

      Die Idee mit dem Social-Media-Führerschein klingt spannend, wobei man diesen kaum verpflichtend für Medienschaffende machen kann (freie Meinungsäußerung). Aber es könnte sich als zum guten Ton gehörend etablieren, ähnlich wie ein Volontariat unter Journalisten.

      Antwort
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