Datenschutz und künstliche Intelligenz – ein Dilemma

Datenschutz ist in Europa ein wichtiges Gut. Aus diesem Grund gehen gesetzliche Verordnungen zum Schutz personenbezogener Daten hier wesentlich weiter als beispielsweise in China oder den USA. Dass auch der europäische Datenschutz seine Schwächen hat und es durchaus Verbesserungspotenzial an bestehenden Regelungen wie der DSGVO gibt, ist eine Sichtweise. Eine andere ist, dass unser Datenschutz die Forschung im Bereich künstlicher Intelligenz (KI) massiv verlangsamt.

Um eine KI zu trainieren, braucht man Unmengen an Daten. Eine Software zur Gesichtserkennung beispielsweise “lernt” über die Einspeisung von Datenbanken mit Gesichtern verschiedener Menschen in verschiedenen Situationen, wie sich das menschliche Gesicht zusammensetzt und was eindeutige Merkmale sind, die sich nicht durch Mimik oder Blickwinkel verändern. Kurz gesagt: die Software entwickelt selbst ein Schema, nach dem sie menschliche Gesichter voneinander unterscheiden kann. Stehen aufgrund strenger Datenschutzvorschriften nur kleine Datenbestände zur Verfügung, ist der resultierende Algorithmus weniger Zuverlässig.

China baut Vorsprung aus

Wirklich ausgereifte Software zur Gesichtserkennung kommt daher aktuell eher aus dem asiatischen oder amerikanischen Raum als aus dem europäischen. In China beispielsweise, wo Videoüberwachung in den Städten ein omnipräsentes Phänomen ist und quasi keine Hürden für die Verwendung dieser Aufnahmen existieren, können lernende Algorithmen direkt mit Datensätzen aus Überwachungssystemen trainiert werden.

Chinas Social Credit System beispielsweise nutzt in einigen Städten bereits eine vollautomatische Erkennung der Bürger. So wird beispielsweise erfasst, wer bei Rot über eine Ampel geht – dafür werden dann Punkte abgezogen (mehr zum Social Credit System).

Dilemma zwischen Wirtschaft und Datenschutz

Künstliche Intelligenz hat natürlich mehr Anwendungsbereiche als nur Gesichtserkennung. Auch im Gesundheitswesen kann KI mit Hilfe großer Datensätze beispielsweise trainiert werden, radiologische Untersuchungen auszuwerten. Doch gerade medizinische Daten sind – zu Recht – besonders streng geschützt.

Daneben gibt es aber auch Anwendungsbereiche, die keine personenbezogenen Daten benötigen wie beispielsweise in der Meteorologie oder bei Bewertungen von Materialermüdung. Hierzu werden Werte herangezogen, die in der Regel nicht dem strengen europäischen Datenschutz unterliegen. Dennoch zeigen die genannten Beispiele, dass die europäische Forschung und Wirtschaft im Bereich künstlicher Intelligenzen auf bestem Wege sind, abgehängt zu werden.

IT und Automatisierung wird schon seit Jahren als Branche der Zukunft gefeiert und gerade ein Land wie Deutschland, das für seine Ingenieursleistungen noch immer weltweit bekannt ist, dürfte ein großes wirtschaftliches Interesse daran haben, in diesem Bereich in der ersten Liga mitspielen zu können.

Aber auch der Datenschutz ist ein wichtiges Gut. Mit Blick nach China sehen wir, wie Daten in Kombination mit KI-Anwendungen als Unterdrückungsinstrument genutzt werden können. Auf verstärkten Datenschutz zu bauen ist für unsere Demokratie daher sicher förderlich. Dennoch bleibt die Frage, was mit unserer Gesellschaft geschieht, wenn Europa technologisch tatsächlich von China und den USA abgehängt würde. Wenn der Wohlstand zu bröckeln beginnt, kann dies auch in einer Gefahr für die Demokratie und Frieden enden. Es scheint fast wie die sprichwörtliche Wahl zwischen Pest und Cholera.


Hinweis zur Terminologie: In diesem Artikel wird der Begriff “künstliche Intelligenz” verwendet. Im Kontext dieses Artikels sind hiermit stets schwache künstliche Intelligenzen im Sinne von Deep Learning gemeint. Der allgemeine Begriff “künstliche Intelligenz” wird zugunsten der leichteren Lesbarkeit durchgehend verwendet.

Simon Crins

Simon Crins ist Medienexperte mit den Fachbereichen Medienproduktion und Medientechnik. Nach seiner Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton bei ProSiebenSat.1 in München absolvierte Crins sein Bachelorstudium im Fach Medien und Kommunikationsmanagement an der SRH Fernhochschule. Währenddessen war er für die ProSiebenSat.1 Gruppe unter anderem als Produktionsplaner und Projektleiter tätig. Seit Ende 2018 arbeitet Simon Crins für Umlaut im Raum Braunschweig/Wolfsburg als Test- und Entwicklungsingenieur für Infotainmentsysteme. Weitere Informationen über den Autor finden Sie unter www.simoncrins.de

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